Diagramm: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum – Achtsamkeit im Führungsalltag macht ihn nutzbar
Impuls aus der Praxis

Wie funktioniert Achtsamkeit im Führungsalltag – ohne eine Stunde Stille?

1. September 2026

 

Kurz gesagt: Achtsamkeit im Führungsalltag bedeutet nicht, den Kalender zu leeren. Sie bedeutet, den Moment zwischen Reiz und Reaktion zu bemerken – und ihn zu nutzen. Dieser Moment ist trainierbar, und die wirksamsten Übungen dauern unter drei Minuten. Der Beitrag beschreibt den Mechanismus dahinter und vier Praktiken, die in einen vollen Tag passen.

 

Die Situation

Dienstag, 14:57 Uhr. Das Steuerungsmeeting ist gerade um zwölf Minuten überzogen, mit einem offenen Konflikt, den ich nicht klären konnte. Um 15:00 Uhr beginnt ein Mitarbeitergespräch, in dem es um eine Beförderung geht. Zwischen beiden Terminen liegen drei Minuten, ein Flur und der Impuls, noch schnell die Mails zu prüfen.

Ich weiß aus Erfahrung, was passiert, wenn ich diesen Impuls einfach ausführe: Ich betrete das nächste Gespräch mit dem Ärger aus dem letzten. Mein Gegenüber bemerkt das früher als ich. Und die Beförderung, um die es eigentlich geht, bekommt nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient.

Das ist der Führungsalltag, um den es in diesem Beitrag geht. Nicht der Seminarraum, nicht die Auszeit im Kloster – sondern der Flur zwischen zwei Terminen.

 

Warum Achtsamkeit im Führungsalltag meist am falschen Bild scheitert

Die meisten Führungskräfte, mit denen ich arbeite, haben ein klares Bild von Achtsamkeit: morgens um sechs, zwanzig Minuten still sitzen, App an. Und genau dieses Bild ist der Grund, warum sie nicht anfangen. Denn es passt nicht in ihr Leben, und sie wissen es.

Das Bild ist nicht falsch – formelle Praxis wirkt, das ist gut belegt. Aber es ist unvollständig. Achtsamkeit hat zwei Seiten: die formelle Übung und die informelle Praxis mitten im Tun. Für den Führungsalltag zählt die zweite. Sie braucht keine Zeit, die Sie nicht haben, sondern Aufmerksamkeit in der Zeit, die ohnehin vergeht.

 

Der Mechanismus: Reiz, Raum, Reaktion

Führung besteht zu großen Teilen aus Reaktionen. Eine Mail ärgert, ein Einwand irritiert, eine Zahl alarmiert – und wir antworten. Unter Druck wird der Abstand zwischen Reiz und Antwort immer kürzer, bis er verschwindet. Dann führt nicht mehr die Führungskraft, sondern ihr Autopilot: bewährte Muster, schnell abgerufen, selten passend.

Achtsamkeit setzt genau an diesem Abstand an. Sie macht den Moment bemerkbar, in dem der Reiz ankommt und die Reaktion noch nicht ausgelöst ist. Das ist alles – und es ist viel. Denn in diesem Raum wird aus einem Reflex eine Entscheidung. Die Führungsforschung beschreibt diesen Effekt seit Jahren: Achtsamkeit verbessert die Aufmerksamkeitssteuerung, und das wirkt weiter auf Denken, Emotion und Verhalten.

Im Salzburger Achtsamkeitsmodell, mit dem ich als Trainingsrahmen arbeite, ist das die Dimension Fokus & Effizienz: das Abwandern schneller bemerken, die Aufmerksamkeit bewusst setzen. Wer das kann, hat unter Druck eine Option mehr als vorher.

 

Vier Praktiken, die zwischen zwei Terminen passen

Alle vier haben denselben Kern: einen Übergang bewusst machen, den Sie sonst im Autopilot durchlaufen würden.

Die Schwelle. Bevor Sie einen Raum betreten oder ein Videomeeting starten, ein einziger bewusster Atemzug. Nicht als Entspannung, sondern als Zäsur: Das letzte Gespräch endet hier, das nächste beginnt neu. Drei Sekunden. Am Dienstag um 14:58 Uhr war das der Unterschied zwischen einem guten und einem verpatzten Beförderungsgespräch.

Die Frage vor der Antwort. Wenn eine Nachricht Sie ärgert, bevor Sie antworten: Was löst das gerade in mir aus? Nicht, um es wegzumachen – sondern um es zu kennen, bevor es die Antwort schreibt. Die meisten Mails, die ich bereut habe, hätten diese eine Frage überlebt.

Der bewusste Meeting-Start. Eine Minute, in der alle ankommen, bevor die Agenda beginnt. Ein kurzer Check-in reicht: Womit kommen Sie gerade hier an? Das klingt weich und ist hart wirksam, weil es die Aufmerksamkeit von zwölf Menschen auf denselben Punkt holt.

Die Entscheidungsprüfung. Bei Entscheidungen, die zählen, eine Frage: Entscheide ich gerade aus Klarheit oder aus Getriebenheit? Wenn die Antwort „Getriebenheit“ lautet, ist die Entscheidung nicht falsch – aber sie verdient eine zweite Minute.

 

Was das mit Selbstführung zu tun hat

Alle vier Praktiken sind Selbstführung, bevor sie Mitarbeiterführung sind. Das ist kein Zufall. Wer den eigenen Zustand nicht bemerkt, überträgt ihn – auf das Team, auf die Entscheidung, auf die Kommunikation. Teams lesen ihre Führung sehr genau, und sie lesen sie zuerst am Zustand, nicht an den Worten. Achtsamkeit im Führungsalltag ist deshalb keine Frage der persönlichen Balance, sondern eine Frage der Führungswirkung.

Ich verantworte hauptberuflich Transformation und People Development in einem DAX-Konzern. Mein Prüfstein für jede dieser Praktiken ist einfach: Sie muss an einem Tag mit vollem Kalender funktionieren, nicht nur an einem ruhigen. Die vier oben tun das. Nicht, weil sie besonders raffiniert wären – sondern weil sie an Übergängen ansetzen, die ohnehin stattfinden.

 

Wie Sie anfangen

Nicht mit allen vier. Mit einer, für zwei Wochen. Die Schwelle ist die einfachste, weil sie an einen Ort gekoppelt ist: jede Tür, jeder Klick auf „Beitreten“. Wer sie zwei Wochen übt, bemerkt danach von selbst, wie oft er vorher im Autopilot in Räume gegangen ist.

Was dahinter steht – die Grundlagen, die Forschung, die vier Kernkompetenzen achtsamer Führung – habe ich im Praxis-Guide Mindful Leadership zusammengefasst. Wer den Raum zwischen Reiz und Reaktion einen ganzen Tag lang trainieren will: die offenen Seminartage im Kloster Steinfeld am 19. September und 21. November 2026. Und für Führungskräfte, die aktuell eine Transformation verantworten, ist das Mindful Leadership Coaching der direktere Weg.

Der Kalender wird nicht leerer. Aber der Raum zwischen zwei Terminen gehört Ihnen – wenn Sie ihn bemerken.

 

Quellen: Good et al. (2016), Contemplating Mindfulness at Work: An Integrative Review, Journal of Management 42(1) · Vonderlin et al. (2020), Mindfulness-Based Programs in the Workplace: a Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials, Mindfulness 11

Andreas Grott arbeitet hauptberuflich als Transformation & People Development Lead in einem DAX-Konzern und begleitet daneben ausgewählte Unternehmen und Führungskräfte als Coach und Trainer.

Unverbindliches Erstgespräch anfragen